Prof. Dr. Christian Huppert (1.v.l.) vom Fachbereich Sozialwesen der HSBI hat die inklusive Fachtagung zusammen mit Bethel.regional organisiert. (Foto: S. Jonek / HSBI)
Prof. Dr. Christian Huppert (1.v.l.) vom Fachbereich Sozialwesen der HSBI hat die inklusive Fachtagung zusammen mit Bethel.regional organisiert. (Foto: S. Jonek / HSBI)

Inklusive Fachtagung zu Kommunikation mit Menschen mit kognitiven und lautsprachlichen Beeinträchtigungen

Bielefeld – Botschaften mit anderen teilen und zwar mit und ohne Worte – das war die Idee einer inklusiven Fachtagung, die Ende März an zwei Tagen etwa 100 Teilnehmende an die Hochschule Bielefeld (HSBI) geführt hat. Im Fokus stand die Kommunikation mit Menschen mit kognitiven und lautsprachlichen Beeinträchtigungen.

Der Alltag von Personen mit kognitiven und lautsprachlichen Beeinträchtigungen ist davon geprägt, dass sie andere nur eingeschränkt verstehen und von anderen nicht immer verstanden werden. „Menschen sind darauf angewiesen, dass ihre verbalen und nonverbalen Signale, ihre Mimik und Gestik und ihr Verhalten richtig interpretiert werden“, sagt Prof. Dr. Christian Huppert von der HSBI. „Das erfordert ein sehr sensibles Miteinander und ausreichend Zeit.“ Die inklusive Fachtagung „Kommunikation mit und ohne Worte“, die am 20. und 21. März in der Hochschule Bielefeld stattfand, hat Zeit geboten für Begegnung, Austausch, voneinander lernen und Vermittlung von Wissen.

Inklusive Veranstaltung für Menschen mit und ohne Behinderungserfahrung
Bethel.regional hat die Tagung in Kooperation mit dem Fachbereich Sozialwesen der HSBI als eine inklusive Veranstaltung organisiert und Menschen mit und ohne Behinderungserfahrung eingeladen. Gekommen waren Menschen, die unterstützt kommunizieren, Fachkräfte aus Diensten und Einrichtungen, Menschen mit Lernschwierigkeiten, Mitglieder von Beiräten behinderter Menschen und Angehörige. „Super, dass Ihr das organisiert habt. Sowas gab es ja noch nie!“ Das war eine erste schriftliche Rückmeldung in der Feedback-Box.

Sandra Waters, Geschäftsführerin von Bethel.regional, verwies in ihrer Begrüßung auf die Herausforderungen, Kommunikation in der Praxis zu gestalten: „Wir fördern Projekte und spannende Ideen, um Menschen zu ermöglichen, ihre Botschaften mitteilen zu können – ganz nach dem Motto dieser Tagung. Diese Fachtagung soll uns weitere Anstöße geben.“

Workshops mit Aha-Effekt
Ein Kernstück der Fachtagung waren 16 Workshops, die mit ihrer Themenvielfalt deutlich gemacht haben, wie groß die Chancen und wie komplex die Herausforderungen sind: Kommunikation bei Autismus, Leichte Sprache und Inklusion, Unterstützte Entscheidungsfindung und künstlerische Kommunikationshilfen waren unter anderem die Schwerpunkte. Bettina Benz vom Kompetenzzentrum selbstbestimmtes Leben (KSL) für OWL berichtet von einem Rollenspiel aus ihrem Workshop zur Unterstützten Entscheidungsfindung: „Die Teilnehmerin in der Rolle der Person, die bei einer Entscheidung unterstützt werden sollte, meldete zurück, dass sie unter einem großen Druck stand, aber in dem Rollenspiel gar nicht nach ihrem Willen gefragt wurde! Das war eine überraschende Erkenntnis für die Teilnehmenden.“ In einem Erlebnisworkshop für Neueinsteiger und Geübte wurde der Zugang zu Gebärden anhand von Gesellschaftsspielen, Büchern und bildgestütztem Spielmaterial spielend leicht erklärt und gemeinsam ausprobiert.

In einem offenen Format trafen sich die Teilnehmenden am ersten Tag in der langen Magistrale der HSBI an Themen-Inseln. Hier wurden viele Erfahrungen der Teilnehmenden gesammelt. Wie gelingt die Kommunikation und welche Herausforderungen sind erkennbar? Ein lebhafter Austausch zwischen den Teilnehmenden. Am zweiten Tag wurden aus diesen Erfahrungen Positionierungen und Forderungen abgeleitet. Besonders wichtig erschien den Teilnehmenden, dass schon in der Bedarfsermittlung und der Teilhabeplanung ausreichend Zeit für den Bereich der Kommunikation mit anderen Menschen berücksichtigt wird, damit in der Alltagsassistenz ausreichend Ressourcen ankommen, um Austausch und Beziehungen zu gestalten. Viel Potenzial wird in der Digitalisierung gesehen, es gibt immer mehr spannende technische Hilfsmittel und digitale Instrumente, die Kommunikation unterstützen können.

„Uns war es wichtig, die Tagung gemeinsam mit Personen vorzubereiten und auch durchzuführen, die selbst auf Kommunikationshilfen angewiesen sind,“ sagt Moderatorin Dr. Friederike Koch. „Die Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation war dabei sehr spannend und hilfreich.“ Besonders viel Aufmerksamkeit bekam Norbert Kunze, der in einem Haupt-Vortrag über sein Leben mit unterstützter Kommunikation berichtete. Schon sehr früh nutzte er einen Talker und konnte sich und seine Gedanken mitteilen. Auch wenn es zum Beispiel beim Wechsel von der Schule in das Arbeitsleben Zeit brauchte, bis die Voraussetzungen für eine gelingende Kommunikation geschaffen waren, hat er seinen Weg gestaltet und bringt sich aktiv in der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation ein.

Barrierearme Gestaltung als studentisches Projekt
Durch die Förderung von Aktion Mensch war es unter anderem möglich, die Tagung möglichst inklusiv und barriere-arm zu gestalten. Studierende der Sozialen Arbeit haben sich ein Semester lang mit dem Personenkreis und Fragen der Kommunikation beschäftigt. Mit diesem Wissen haben sie Maßnahmen entwickelt, um Barrieren zu reduzieren. Zur Orientierung im Gebäude haben Studierende in orangefarbenen Westen bei Fragen weitergeholfen und die Bereiche der Tagung waren farblich markiert. Der große Tagungsraum war rot ausgeschildert, die Workshop-Räume grün und der Ruhebereich blau. „Wenn sich jemand eine Auszeit nehmen wollte, konnten die Personen zwischen drei Räumen wählen“, berichtet Carolin Bühner, Studentin der Sozialen Arbeit. „Teilnehmende konnten sich in einen reizarmen Raum zurückziehen, unterm Sternenhimmel liegen oder sich in Ruhe mit Materialien beschäftigen. Viele wollten auch einfach mal schauen, wie so ein Raum gestaltet werden kann.“ Im „Mit-teilen Raum“ konnten sich Teilnehmende zum Austausch treffen. Gemütliche Ecken, spielerische Aktivitäten und Bildkarten haben Anlässe für „Botschaften mit-teilen“ geschaffen.

„Ich hoffe, dass diese Begegnungen die Praxis verändern werden.“
„Beim Markt der Möglichkeiten zum Ende der Tagung gab es viele interessante Anregungen für die Gestaltung von Kommunikation“ sagt Tobias Link über seinen Talker. Link ist Sozial- und Kommunikationspädagoge und im Vorstand der Gesellschaft für UK. Gemeinsam mit Dr. Friederike Koch hat er sehr charmant und begeisternd die Tagung moderiert. „Es gab viele gute Gespräche. Ich hoffe, dass diese Begegnungen die Praxis verändern werden.“ Diesen Wunsch gab Tobias Link den Teilnehmenden am Ende mit auf den Weg.

„Wir brauchen hier Schokolade!“ Das war eine der Rückmeldungen in der Feedback-Box. „Stimmt“, resümiert Christian Huppert mit einem Augenzwinkern. „Wir sind begeistert von dem Zuspruch und der Mit-teilungs-Bereitschaft der Teilnehmenden und haben wohl doch noch nicht alle Barrieren im Blick gehabt. Beim nächsten Mal gibt es Schokolade. Versprochen!“

www.hsbi.de

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