Die Exkursion fand im Rahmen des HSBI-Praxisprojektes „Systemische Beratung für Menschen in höherem Lebensalter“ statt. (Foto: F. Hüffelmann/HSBI)
Die Exkursion fand im Rahmen des HSBI-Praxisprojektes „Systemische Beratung für Menschen in höherem Lebensalter“ statt. (Foto: F. Hüffelmann/HSBI)

Was machen HSBI-Studierende der Sozialen Arbeit auf einem Alpaka-Hof?

Bielefeld – Tiergestützte Intervention zählt zu den Methoden, die im Sozialwesen und in der Pädagogik erfolgreich zum Einsatz kommen können. HSBI-Dozentin Bettina Hartung-Klages nimmt Studierende der Sozialen Arbeit deshalb mit zu einem Alpaka-Hof in Werther/Westfalen. Die Exkursion findet im Rahmen des Praxisprojektes „Systemische Beratung für Menschen in höherem Lebensalter“ statt und macht für die Studierenden die Interaktion zwischen Mensch und Tier unmittelbar erlebbar.

Was die Tiere bei Menschen bewirken können, wird gleich bei der ersten Begegnung der Studierenden mit den Alpakas deutlich: Die Gesichtszüge entspannen sich, und man blickt in lächelnde Gesichter. Die flauschigen Tiere mit den Kulleraugen sorgen für Gesprächsstoff und lockern die Atmosphäre auf. Ideale Voraussetzungen für die therapeutische Arbeit. Die Exkursion zu Silke Schönings Alpaka-Hof in Werther/Westf. bietet den Studierenden des Studiengangs Soziale Arbeit an der Hochschule Bielefeld (HSBI) die Möglichkeit, tiergestützte Intervention praxisnah kennenzulernen. Tiergestützte Ansätze in der Therapie kommen seit den 1970er-Jahren im deutschsprachigen Raum zum Einsatz. Sie reichen vom therapeutischen Reiten, Hippotherapie, über gezielten Einsatz von Hunden, Pferden, Kleintieren, Katzen und Farmtieren wie Alpakas in Psycho-, Physio-, Ergotherapie und Rehabilitation bis hin zu Tierhaltung und Tierbesuchsdiensten in Kliniken, therapeutischen Wohngemeinschaften, Tagespflegeeinrichtungen, Pflege- und Seniorenheimen.

Sie spucken wirklich! Die sanfte Ausstrahlung hat ihre Grenzen

„Wir beobachten die Tiere und die Tiere beobachten uns“, kommentiert Silke Schöning den ersten Kontakt der Studierenden mit den Alpakas über den Zaun hinweg. Zusammen mit Sozialpädagogin Yvonne Becker-Schwier, einer ehemaligen Studierenden der HSBI, setzt sie auf ihrem Hof tiergestützte Intervention punktuell und gezielt in ihrer Beratung ein. Die Herde samt zweier Fohlen lebt seit rund viereinhalb Jahren auf dem Hof. An diesem Vormittag erfahren die Studierenden auf unterhaltsame Weise sehr viel über Alpakas. Trotz ihrer sanften Ausstrahlung sind die Kamele aus den südamerikanischen Anden keine Kuscheltiere und sollen deshalb nicht gestreichelt werden. „Auch wenn es schwerfällt“, sagt Silke Schöning augenzwinkernd. Kein Mythos ist hingegen das Spucken: So drücken Alpakas tatsächlich ihren Unmut aus. Zuvor geben sie jedoch Warnlaute von sich und legen die Ohren an. Während Silke Schöning über Aufzucht und Haltung der domestizierten Kamelart berichtet, setzen sich die Studierenden auf Bänke, und das Gatter wird geöffnet. Neugierig und vorsichtig inspizieren die Paarhufer ihre Gäste, akzeptieren die Studierenden als Herdentiere. Manche Alpakas kommen näher als andere, beschnuppern Schuhe und Taschen. „Die Tiere wirken, weil sie da sind. Sie haben keine Vorurteile, werten nicht und sind nicht nachtragend“, erklärt Sozialpädagogin Becker-Schwier die als Systemische Beraterin und Systemische Therapeutin mit Silke Schöning auf dem Hof zusammenarbeitet.

Wertvoll für die Arbeit mit alten Menschen: Systemische Beratung lenkt den Fokus auf die Stärken

„In der systemischen Beratung wird der Mensch in seinem System, seiner Umwelt, betrachtet“, erläutert HSBI-Dozentin Bettina Hartung-Klages, die die Exkursion im Rahmen des Projektes „Systemische Beratung für Menschen in höherem Lebensalter“ für ihre Studierenden initiiert hat. „Wir arbeiten ressourcenorientiert. Es geht darum, Stärken zu stärken. Wir betrachten nicht, was vielleicht alles nicht funktioniert oder was ein Mensch nicht kann, sondern wir arbeiten damit, was funktioniert und fördern damit unter anderem das Selbstvertrauen und das Selbstbewusstsein.“ Tiergestützte Intervention in der Systemischen Beratung funktioniert besonders gut bei älteren Menschen mit ihren oft spezifischen Problemen wie zunehmender Einsamkeit, dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, Krankheit oder Demenz. Hartung-Klages: „Über das Taktile, wie zum Beispiel beim Füttern der Alpakas mit Haselnusssträuchern und Trockenfutter, können beispielsweise ältere Menschen mit Depressionen leichter Zugang zu ihren Emotionen finden. Bei Menschen mit Demenz stellt sich häufig das Problem, dass ihre Emotionen von ihren Mitmenschen nicht mehr adäquat beantwortet werden – die langsamen, bedächtigen Bewegungen der Tiere tun diesen Menschen gut. Bei der biographischen Arbeit wiederum können die Alpakas Erinnerungen an eigene Tiere in der Kindheit wecken und für einen Gesprächseinstieg sorgen.“ 

„Auch für die Arbeit mit Kindern ist der tiergestützte Ansatz oft vielversprechend“, berichtet Yvonne Becker-Schwier. Sie arbeitet unter anderem mit Kindern, die aus unterschiedlichen Gründen nicht zur Schule gehen wollen. Zwar sieht sie das Dilemma der Lehrkräfte, die in Klassen mit 25 Kindern, die ganz verschiedene Stärken und Schwächen haben, den Lehrstoff vermitteln sollen. Aber dass Schule in erster Linie defizitorientiert arbeitet, findet sie fatal: „In Klassenarbeiten wird das angestrichen, was falsch ist, und nicht das hervorgehoben, was richtig gemacht wurde.“ Hofeignerin Silke Schöning ergänzt: „Der Alpaka-Hof soll nicht Schule an einem anderen Ort sein. Wir wollen lieber herausfinden, welche Stärken die Kinder haben. Hier dürfen sie auch über Tische und Bänke gehen. Viele Kinder sind erstaunt, was sie hier alles dürfen. Wer sich ausgetobt hat, kann sich oft viel besser konzentrieren.“

Die bloße Anwesenheit der Alpakas wird zum „Türöffner“

„Eigentlich machen wir gar nicht viel mit den Tieren. Ihre bloße Anwesenheit reicht oft, um etwas in Menschen zu bewegen“, berichtet Becker-Schwier und erzählt von einem Mädchen mit einer Mobbing-Problematik, die für Gespräche gar nicht mehr zugänglich war. „Sie kam mit verschränkten Armen auf dem Hof an und signalisierte, dass sie überhaupt nicht hier sein wollte. Sie ging widerwillig mit Silke auf die Wiese zu den Alpakas. Nach etwa zehn Minuten war das Smartphone gar nicht mehr wichtig und auch die Insekten, die sie vorher gestört hatten, wurden nicht mehr beachtet.“ Durch den Kontakt zu den Tieren wurde das Mädchen offener und gesprächsbereiter. Letztlich stellte sich heraus, dass das Mobbing gar nicht das primäre Problem war, sondern, dass die Mutter ihrer Tochter nichts zutraute. Durch den Ansatz der Systemischen Beratung, der immer das gesamte Umfeld eines Menschen miteinbezieht, konnte gemeinsam an diesem Problem gearbeitet und der Tochter Selbstvertrauen gegeben werden, denn auch die Mutter lernte, ihrer Tochter zu vertrauen.

Die Studierenden waren von den Alpakas begeistert: „Ich kann mir gut vorstellen, dass eine tiergestützte Intervention insbesondere bei Familien funktioniert. Kinder können sich hier positive Erlebnisse abholen. In anderen Kontexten wird der Blick auf ihre Defizite gelenkt, aber hier nicht“, stellt Student Lennart Pradel zum Abschluss der Exkursion fest.

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